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Ali Saad und Vesta Nele Zareh
NO MONEY, NO NATION, NO VISION
Die Raumproduktion der Berliner Republik in Zeiten bröckelnder Sozialstaaten und visionsloser Politik am Beispiel der Hauptstadt
Deutschland – was ist das eigentlich? Du bist Deutschland, Ossis, Wessis, Kopftuchmädchen, Exportweltmeister, Weltmeister der Herzen, Blühende Landschaften, Deutsche Verlässlichkeit, Land der Dichter und Denker? Parolen wie diese und ähnliche werden oft bemüht, um je nach politischer Taktik Aspekte Deutschlands positiv oder negativ zu beschreiben. Sie verweisen auf die Schwierigkeit, das gesellschaftliche Selbstverständnis Deutschlands zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung zu beschreiben und das Versäumnis deutscher Politik, ein Bild für das gesellschaftliche Zusammenleben erzeugt zu haben. Eine Vision, welche die Fähigkeit besitzt, seine sozial, kulturell und ethnisch immer heterogener werdende Gesellschaft in ihrer Gesamtheit für eine bessere Zukunft zu motivieren und letztlich zu aktivieren. In Abwesenheit eines zeitgenössischen und identitätsstiftenden Gesellschaftsbildes agiert die gegenwärtige Politik meist mit vorgefertigten Konzepten, althergebrachten Klischees oder utopischen Schönrednereien, die meist zu Lobbyismus und Opportunismus ermutigen.
Dies spiegelt sich auch in der Raumpolitik wieder. Wenn Architektur und Städtebau u. a. das Ordnen von gesellschaftlichen Beziehungen durch Gebautes bedeutet, so muss angesichts der gegenwärtigen Orientierungslosigkeit hiesiger Raumproduktion diagnostiziert werden, dass es momentan kein Bewusstsein für diese Beziehungen gibt. Vielmehr scheint eine große Unsicherheit darüber vorzuherrschen, was unsere Gesellschaft eigentlich ausmacht und wie eine intelligente Raumpolitik ihr helfen kann sich zu entfalten.
Möchte man verstehen wie es zu der Abwesenheit dieses Bewusstseins gekommen ist, muss man die Raumproduktion Deutschlands in engem Zusammenhang mit den Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte sehen. Das Ende des Kalten Krieges, die deutsche Einheit, Bevölkerungsrückgang, Globalisierung, wirtschaftliche Stagnation und daraus resultierend, der sich auflösende National- und Sozialstaat, hat auch in der Raumproduktion der sogenannten Berliner Republik zu einer schweren Identitätskrise geführt. Kein Land ist von den Ereignissen des Kalten Krieges so tiefgreifend berührt worden wie Deutschland und in keiner Stadt haben sich diese Ereignisse derart in der Produktion von Raum niedergeschlagen wie in Berlin. In diesem Sinne ist Berlin das räumliche Sedimentbecken deutscher Raumpolitik und steht paradigmatisch dafür, wie angesichts leerer Kassen und sozialer Probleme das Potential von Architektur und Städtebau zur Gestaltung einer gesellschaftlichen Vision beizutragen ignoriert wird. Dabei geht es nicht um die Beschwörung vergangener Gesellschaftsutopien, sondern um ein Verständnis dafür wie deutsche Raumproduktion ihren gesellschaftlichen Bezug verloren hat und eine Spekulation darüber wie sie ihn wiedererlangen kann.
Situation I: Raumtrennung
1961 wird in Deutschland die Mauer gebaut. Ca. 155 km davon entstehen um Westberlin herum, ergänzt durch eine 1378 km lange Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Die BRD – zu diesem Zeitpunkt den Alliierten unterstellt – und die DDR – zu diesem Zeitpunkt noch Anhängsel Russlands – werden räumlich von einander getrennt. Während die Mauer zwischen BRD und DDR durch zum Teil unbewohnte Gebiete führt, entlang von Feldern und Wäldern, verläuft die Demarkationslinie in Berlin mitten durch einen dichten urbanen Raum. Sie zerteilt Straßen, Bezirke, Häuser und Vorgärten genauso wie Familien, Freunde, Lebenswelten und soziale Gefüge.





Der Raum des geteilten Berlins entwickelt sich ab 1961, getrieben durch unterschiedliche Gesellschaftskonzepte, in verschiedene Richtungen. In Ostdeutschland setzt man auf Zentralismus und versammelt die wichtigen politischen und kulturellen Institutionen und die öffentlichen Plätze im Zentrum der Hauptstadt. In Westdeutschland setzt man auf Dezentralisierung und einen Föderalismus im Sinne einer demokratischen Grundstruktur. Als Ausdruck neuer deutscher Bescheidenheit wird das beschauliche Bonn Hauptstadt und starke Bundesländer mit eigenständigen Regierungen sorgen für eine Balance zwischen zentralstaatlicher Macht und regionalen Bedürfnissen.
In Berlin sind diese Entwicklungen 1:1 erfahrbar. Auch hier wird der Osten zentralistisch aufbaut, während in Westberlin durch die Alliierten unterstützt dezentral geplant wird. Die beiden Systeme propagieren klare Gesellschaftsbilder und setzen diese deutlich im städtischen Raum um. Im Westen entstehen das Hansaviertel, die Stadtautobahn, das Europa-Center und verschaffen westlichem Lebensstil räumlichen Ausdruck. Im Osten werden die Stalinallee, der Alexanderplatz und der Palast der Republik gebaut, als Symbole des Arbeiterstaates.





Situation II: Der Kalte Krieg zum Anfassen
1958 beschließt Axel Springer der freien Presse der BRD ein Zeichen zu setzen und zieht mit seinem Verlagsgebäude nach Westberlin direkt an die Sektorengrenze. Das Gebäude – eines der wenigen Hochhäuser Berlins – bekommt eine goldene Fassade. Der Westen soll golden über die Grenze schimmern und dem Osten ein mahnendes Zeichen für die dort herrschende Unfreiheit der Presse sein. In der DDR kontert man städtebaulich mit einem Ensemble aus Hochhausscheiben auf der anderen Seite der Mauer, welche die Sicht auf das Springerhochhaus verstellen. Den goldenen Westen kann man so nur noch von den Balkonen der oberen Stockwerke erblicken, die fortan von systemtreuen Familien bewohnt werden. Forciert durch den Wettkampf der Systeme und ihrem Bedürfnis nach Abgrenzung zueinander wurden Architektur und Städtebau benutzt, um die gesellschaftlichen Visionen beider Systeme zu transportieren. Jenseits ihrer jeweiligen Ideologien, hatte Raumproduktion auf beiden Seiten einen Anspruch gesellschaftliche Verhältnisse zu ordnen und zu symbolisieren, was sich städtebaulich klar niederschlug.







1989 fällt der Eiserne Vorhang. Es ist das Jahr der Umbrüche: Die Großmacht Sowjetunion zerbricht und verliert an Bedeutung für die umliegenden Länder. Der „realexistierende Sozialismus“ hört auf real zu existieren. Nationen verschwinden, neue entstehen. Der Krieg im Kosovo verdeutlicht, dass die Idee der Nation fragil ist und man einen hohen Preis zahlen muss, versucht man diese künstlich aufzubauen. Ein vereintes Europa formiert sich, das die Grenzen nach innen öffnet und nach außen schließt. In Asien wird man sich der neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten bewusst. Gesamtglobal ringt man um neue Identität.
In Deutschland vollzieht sich der Wandel von zwei Staaten zu einem vor allem zu leise. Es wird zu wenig diskutiert, gestritten und protestiert. Von Anfang an liegt ein Schatten über der "Vereinigung". Die DDR hört auf zu existieren, eben so die BRD – allerdings scheint die BRD nicht im selben Maß zu verschwinden wie die DDR. Man meint sie im Grundgesetz, in Meinungen, Politikern, Parteien wieder zu finden. Es wird versäumt offen zu diskutieren über das, was war und das, was kommt.
1991 wird Berlin Hauptstadt der neuen Bundesrepublik. Der Neuanfang beginnt mit einer systematischen Auslöschung baulicher Geschichte. Es wird abgerissen. Nicht das, was nicht mehr funktioniert, sondern das, was den Sozialismus, das System, welches einen Teil der deutschen Bevölkerung Jahrzehnte geprägt hat, symbolisiert. Während Künstler und Kulturschaffende aus beiden Teilen des Landes Gebäude wie das Neue Deutschland oder das Haus des Lehrers beziehen – und so das DDR Erbe neu interpretieren – wird anderswo schon abgerissen. Der Großteil der Mauer, das Ahornblatt und schließlich der Palast der Republik werden Opfer dieser Entwicklung. Abgesehen von der Zerstörung von Orten, die für viele identitätsstiftend waren, fragen sich heute Berlintouristen aus der ganzen Welt, wo die gebauten Überbleibsel der Weltgeschichte geblieben sind.
Die Zeit der Berliner Republik beginnt in Berlin holprig. 1998 sind die Restgelder der Subventionen versiegt und die Kassen der Stadt leer. Der Berliner Bankenskandal verschafft der Stadt einen gigantischen Schuldenberg. Gleichzeitig ziehen die Institutionen von der alten in die neue Hauptstadt. Man streitet über Traufhöhen und Lochsteinfassaden und ringt um eine einheitliches Stadtbild während im Osten ganze Dörfer versanden und die Treuhand ganze Landschaften privatisiert.
In Zeiten des Umbruchs und großer finanzieller Not tut man sich sowohl in Gesamtdeutschland als auch in der Hauptstadt schwer mit innovativen Konzepten. Die Idee der Zwischennutzung wird im Partykeller leer stehender Häuser geboren und in den folgenden Jahren zum unausgesprochenen Credo der Stadt.
Für die Hauptstadt aber fehlen die Visionen. Mitten hinein in dieses Vakuum wird die Idee eines identitätsstiftenden Grand Projéts geboren – die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses. Dessen Wurzeln liegen tief in der Vergangenheit, auf einem Deutschland, das noch keine Schuld auf sich geladen hatte. Warum es das Schloss sein muss, bleibt angesichts inhaltlicher Leere und einer Diskussion um den Anteil rekonstruierter Fassade, die die Idee der Rekonstruktion ad absurdum führt, ein Rätsel.
In Berlin löst Regula Lüscher Hans Stimmann als Baudirektorin ab. Sie übernimmt kein Steinernes Berlin, sondern eine Stadt in der jeder, der genug bezahlt, seine Geschäftsideen umsetzen darf. Es wird verkauft und vermietet was geht - allzu oft der öffentliche Raum. Ob Alexanderplatz, Breitscheidplatz, Pariser Platz, Bebelplatz oder Schlossplatz, sie alle sind fast permanent besetzt mit Bierzelten, Imbissbuden und sonstigem Volksfesttrash.
Situation III: Der Ausverkaufte Raum
Zur alljährlichen Fashionweek sperrt man den Bebelplatz für die Öffentlichkeit. Dort wo man sonst über den Platz gehen kann, wo 1933 die Bücherverbrennung der Nazis stattfand und wo heute das unterirdische Mahnmahl des israelischen Künstlers Micha Ullman daran erinnert, steht genau über diesem, ein riesiges Festzelt und der Platz ist für die Dauer der Veranstaltung exklusiv und unzugänglich. Offensichtlich verliert Geschichtsbewusstsein an Wert in Zeiten finanzieller Notlage.





Eine Gesellschaft konstituiert sich erst beim Heraustreten vom Privaten ins Öffentliche und ist damit auf einen gesellschaftskonstituierenden, öffentlichen Raum angewiesen, im Großen wie im Kleinen. Wo dieser verschwindet zieht sich auch Gesellschaft zurück. Ähnliches passiert auch auf kommunaler Ebene im Stillen unter wenig Beachtung der Presse in den Randbezirken Berlins. Auch dort wird aus der Not geborene Raumpolitik betrieben, die nichts mit Nachhaltigkeit zu tun hat, sondern kurzfristige Einsparmaßnahmen nach sich zieht.
Situation IV: Sparen vs. Gesellschaft
An der Ecke Wiesbadener-Stubenrauchstraße im Stadtteil Berlin Friedenau befindet sich der Schillerplatz. Ein sehr kleiner Platz, dessen zentrales Element acht Bänke waren, auf denen man je nach Sonnenstand, Jahres- und Tageszeit Alkoholiker, ältere Damen, Kinder, Eltern oder Jugendliche antreffen konnte, die hier lasen, warteten, Vögel fütterten, Bier oder Wodka tranken, eine Zigarette rauchten oder nur so da saßen. Im August 2008 beschließen das Bezirksamt und die Berliner Stadtreinigung aus Spargründen die Mülleimer neben den Bänken abzumontieren. Die Besucher der Bänke kamen weiterhin. Da man nicht wusste wohin mit dem Müll, landete dieser fortan in den Büschen hinter den Bänken. Dies missfiel den Anwohnern und führte außerdem zu keiner Kosteneinsparung, sondern zu einer Kostenumverteilung – von der Stadtreinigung zum Grünflächenamt. Sechs Monate später ließ das Bezirksamt kurzerhand die Bänke abmontieren. Die Grünanlage ist weiterhin vorhanden. Als öffentlicher Mikroraum für den Kiez hat sie aber jeden Wert verloren.



Ausblick: Architektur und Städtebau als soziales Projekt
Die Entwicklung Berlins zeigt paradigmatisch wie in Deutschland im Zuge der Umwälzungen der letzten Jahrzehnte die Frage des gesellschaftlichen Selbstverständnisses vernachlässigt wurde. Der Mangel einer gesellschaftlichen Vision spiegelt sich in der Orientierungslosigkeit der Raumproduktion wieder. Dieses Versäumnis trifft nicht nur die Politik. Auch Architekten und Stadtplaner haben hierzulande verlernt das gesellschaftliche Potential von Architektur und Städtebau, so wie es in den 60er Jahren noch der Fall war, aktiv zu vertreten.
Dabei müsste ein unvoreingenommener Blick auf die reale ökologische, ökonomische, soziale und kulturelle Situation Deutschlands der Ausgangspunkt für neue Visionen sein. Es müsste überlegt werden wie Architektur und Städtebau bei der Lösung der großen gesellschaftlichen Fragen wie dem Klimawandel, der sozialen Polarisierung, des Verhältnisses zwischen Ost und West, der Arbeitslosigkeit, oder der Migration helfen können. Architektur und Städtebau als soziales Projekt begriffen, könnten hier dazu beitragen, die existierenden sozialen, ökologischen, ökonomischen und kulturellen Parameter unter Beteiligung verschiedener Akteure in neue Beziehungen zu setzen, und so schrittweise zur Entwicklung einer spezifischen gesellschaftlichen Vision beitragen. Dies setzt voraus, dass Raumproduktion nicht als vorgefertigtes, gar ideologisches, Konstrukt angesehen wird, sondern als experimenteller, ergebnisoffener Prozess, der zur Ordnung sozialer Beziehungen führen kann.
Ein wenig mehr Pragmatismus, sehr viel weniger visionslosen Populismus und keine nostalgischen Bildbeschwörungen, sondern ein Zulassen von vielen Bildern, das ist es was die Berliner Republik braucht, um Morgen eine gute, an der Realität messbare, gesamtgesellschaftliche Raumpolitik hervorzubringen. Eine Raumpolitik, die nicht nur planlos und unmotiviert von oben kommt, sondern mit Hilfe von Architektur und Städtebau einer Vision folgt, die sich aus der Breite und Vielfalt der zeitgenössischen Gesellschaft nährt und letztlich zu einer innovativen und spezifischen, an die realen Bedürfnisse der Menschen angepassten, Raumproduktion führt.
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